89 Stunden – ein Reisebericht

Im Sommer 2006 waren wir zwei Wochen mit Jerry, Biene und Flo – damals noch Pflegekatze – im Urlaub. Zunächst verbrachten wir eine Woche an der Nordsee in einer wunderbaren und sehr katzentauglichen Ferienwohnung, danach hatten wir eine Woche Reiterurlaub geplant im Wendland. Unsere Fellchen sollten alldieweil in einer Pension in der Nähe nächtigen. Ich hatte mir im Vorfeld alles genau beschreiben lassen, auch darum gebeten, ehrlich zu sein, weil ich es ja doch sehen würde.

Es entpuppte sich dann leider als totaler Reinfall und wir suchten uns gleich am nächsten Tag einen adäquaten Ersatz, den wir auch fanden. Leider weigerte sich der Betreiber der Pension, unsere Katzen herauszugeben, wir musste mit der Polizei drohen und einiges anstellen, um unsere Tiere zurückzubekommen. Diese waren den Umständen entsprechend total verstört und durcheinander, denn so was hatten auch sie noch nie erlebt, obwohl Jerry und Biene recht pensionserfahren sind.

Wie gesagt, alle waren sehr verstört, sogar Flo, die sonst sehr hart im nehmen ist. Biene ging es richtig schlecht, sie ist vor Angst halb auf Jerry gesessen und hat sich auch im Auto noch an ihn gedrückt, sie haben sich an die Innenwand der großen Flugbox  zurückgezogen, die am weitesten im Auto liegt und am nächsten zu uns.
Sie wollten nur weg, ganz schnell weg von diesem schrecklichen Ort.

Wir sind dann wutentbrannt und weinend um unsere Nasen nach Maddau zum Reiterhof gefahren, haben die Katzen mit Rescuetropfen versorgt und erst einmal vom Auto aus den Hof sehen lassen und ermöglicht, dass sie uns riechen und sehen. Wir haben versucht sie zu beruhigen, so gut es ging. Sogar Michaela (die Tochter der Betreiberfamilie und Reitlehrerin), die meine Katzen nicht kennt, sagte, dass Biene und Jerry ganz schlecht dran sind.

Ich habe dann erwirkt, dass alle eine Nacht dort bei uns bleiben können und dann haben wir mit dem Ausladen begonnen. Jerry und Biene trugen ein Sicherheitshalsband mit Tassomarke (hatten wir den ganzen Urlaub, für den Fall der Fälle) und Flo ein Geschirr mit Marke, weil sie einfach noch viel quirliger ist. Die Düse war schon angeleint, ich habe mir dann Jerry geschnappt und bin mit ihm rauf in Richtung Zimmer, stellte dort leider fest, dass Sven den Schlüssel eingesteckt hatte und drehte mich herum, um ihn am Fenster zu rufen. Wie ich rausgucke, sehe ich nur Biene über den Hof rennen, weg vom Haus.
Irgendwas schaltet sich in meinem Kopf aus, mechanisch sperre ich Jerry in die benachbarte Toilette ein und gehe runter. Michaela kommt mir entgegen und sagt: "Wir haben ein Problem". "Ich weiß", kann ich nur sagen und gehe in Richtung Sven, der verzweifelt weinend um einen Busch herumläuft. Wir suchen darin, dann suchen wir weiter unten an der Weide. Biene bleibt verschwunden. Ich bin immer noch wie erstarrt, Sven kommt zu mir, umarmt mich, weint und schluchzt immer wieder "Das hab ich nicht gewollt".

Ich kann ihn nicht trösten, auch wenn er es nur gut gemeint hat. Er wollte die Biene, weil sie so verstört war, nicht mehr in den nach der Pension riechenden Kennel stecken und hat sie stattdessen auf den Arm genommen. Er weiß, dass er sie nicht halten kann, er weiß, dass man den Kennel nimmt, aber er wollte ihr nur den Geruch ersparen. Als die Kinder vom Hof dann alle noch riefen: "Och ist die süß!" war es Bienchen dann zuviel und sie hat sich aus Svens Griff herausgewunden und ist losgerannt. Mehrfach hat sie die Richtung gewechselt, schließlich dann in den Busch und weg war sie.

So stehen wir Arm in Arm auf der Weide und weinen. Irgendwann kann ich Sven nicht mehr so nah bei mir haben und sage, er soll Jerry aus der Toilette holen und Flo zu ihm nach oben bringen. Ich hole einige Sachen aus dem Auto und bringe alles nach oben. Wir richten das Zimmer ein, damit wenigstens zwei Nasen sicher sind und sich von den letzten 24 Stunden erholen können. Sven murmelt immer wieder vor sich hin, dass er das nicht gewollt habe und sie doch nur aus der Pension holen wollte. Ich merke, wie ich mich nach innen verkrieche.

Am späten Nachmittag helfen uns die Kinder, eine Weidegrasfeld zu durchsuchen. Als Menschenkette durchwaten wir das hohe Gras und bewegen uns in Richtung Hof, damit wir sie notfalls zurücktreiben.
Ein Bauer bespritzt nebenan ein Kartoffelfeld mit Pestiziden, ich bete, dass Biene nicht darin sitzt. Er fragt, was wir suchen, ich gebe ihm Auskunft und ersuche ihn, vorsichtig zu fahren. Trotzdem bitte ich Sven einige Stunden später, als der Bauer weg ist, mit mir das Feld nach einer überfahrenen oder vergifteten Biene zu durchsuchen. Wir finden nichts. Zum Glück.

Wir beschließen, am Abend und in der Nacht zu suchen, da es dann ruhig genug ist. Beim Abendessen lassen wir alles stehen. Der Appetit ist uns vergangen.
Jerry liegt nur unter dem Bett, Flo sieht uns an, als wollte sie fragen, wo ist denn Abeni hin? Ich kann jetzt richtig weinen, Sven hält mich fest. Jerry kommt unterm Bett hervor und versucht mich in seiner unbeholfenen Art zu trösten.

Endlich sind die Kinder um halb 12 im Bett und wir gehen mit dicken Pullovern und großer Taschenlampe auf den Hof, die uns Frau Vogt geliehen hat. Man muss sich das dort richtig ländlich vorstellen, eine Laterne im ganzen Dorf, die geht um 12 aus, selbst für Straßennamen ist es zu klein, die gibt es nicht, die Hausnummer wird mit dem Dorfnamen kombiniert.

Wir sind dann überall herumgelaufen, habe immer "Biene, Biene" gerufen. Nichts tut sich. Wir setzen uns auf eine Bank, nicken ein, laufen wieder herum, rufen, sehen viele Katzen vom Hof, von den Nachbarn, keine Biene.

Der schwarze Revierkater, der immer die anderen jagt und verprügelt, schmust mit uns und geht dann zu seinem Haus zurück.


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